.

 
 

 
Seit 128 Jahren im Dienst der Barmherzigkeit
 
[Foto]
 
Gerhard Schäfer, Vorsitzender der Bopparder Vinzenz-Konferenz, nimmt das erste Sitzungsbuch von 1890 zur Hand.
Das Gebot der Barmherzigkeit bestimmt das Handeln der Vinzenz-Mitarbeiter.
 
Soziales: Die Bopparder Vinzenz-Konferenz unterstützt von 1885 an ohne Unterbrechung die Bedürftigen in der Stadt.
 
Boppard: „Vergiss die Armen nicht.“ Die Worte, die Claudio Hummes, der Kardinal mit Bucher Wurzeln, an den neuen Papst nach dessen Wahl richtete, sorgten für Schlagzeilen. „Vergiss die Armen nicht!“ Dieses Motto beherzigen die Mitarbeiter der Bopparder Vinzenz-Konferenz seit 1885.
Das Evangelium selbst gibt die Handlungsanleitung für die ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter. „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Diese fünfte Seligpreisung aus der Bergpredigt im Matthäusevangelium haben die Gründungsväter der Bopparder Vinzenz-Konferenz am 31. März 1890 auf das Deckblatt ihres ersten Sitzungsbuches geschrieben.
In der Anfangsphase haben 19 Bopparder regelmäßig darüber beraten, wie sie das Gebot der Barmherzigkeit mit Inhalt füllen. Wer in unserer Stadt hat Hilfe bitter nötig? Diese Frage steht seit 128 Jahren ununterbrochen im Mittelpunkt jeder Konferenz. Sie wird ganz pragmatisch und völlig unbürokratisch beantwortet. Wer in Not geraten ist, dem wird geholfen. An diesem Prinzip hat sich seit 1885 nichts geändert.
Heute kommen die acht Mitglieder der Vinzenz-Konferenz alle 14 Tage zusammen, um die einzelnen Hilfeleistungen genau festzulegen. Wie damals wird alles fein säuberlich in das Protokollbuch eingetragen. „Wir besprechen die Dinge, die wir hören und die an uns herangetragen werden“, sagt Gerhard Schäfer, Vorsitzender der Vinzenz-Konferenz Boppard. Jedes Anliegen wird in aller Ruhe besprochen. Ist dieser Mann, jene Frau oder die Familie tatsächlich förderwürdig? „Wir suchen die Menschen auf und machen uns ein Bild von deren Lage“, sagt Schäfer. Dann wird in der Konferenz entschieden, wer wie oft wie viel Geld erhält. Das Vertrauen in den menschlichen Kontakt ist letztlich entscheidend für die Hilfe. Es ist eine stille Hilfe von Mensch zu Mensch. Die Mitarbeiter wirken eher im Verborgenen. Sie machen kein großes Aufheben um ihr Anliegen. Das führt dazu, dass viele Menschen in Boppard – auch solche, die Hilfe erhalten – noch nie etwas von der Vinzenz-Konferenz gehört haben. Die Bedürftigen erhalten ausschließlich Geld, und zwar bar auf die Hand. Manche bekommen jeden Monat 50 oder 100 Euro. Andere, die vom Schicksal besonders hart getroffen werden, erhalten mehr. Und wenn Kinder betroffen sind, ist bei den Mitarbeitern der Vinzenz-Konferenz Fingerspitzengefühl gefragt, etwa wenn sich der Vater aus dem Staub gemacht hat und die Frau mit zwei schulpflichtigen Kindern allein zurücklässt und die nicht mehr wissen, wie sie die Miete oder die Stromrechnung bezahlen sollen. „Dann sind wir schon bereit, tiefer in die Taschen zu greifen“, sagt Schäfer. Um die 50 bedürftige Personen unterstützt die Vinzenz-Konferenz im Jahr. Das Geld kommt ausschließlich von Spendern. Von Mitbürgern, die seit Jahr und Tag regelmäßig der Vinzenz-Konferenz einen bestimmten Betrag überweisen. Dazu kommt ein Großspender aus der Wirtschaft: Die Firma Sebapharma lässt seit vielen Jahren stets vor Weihnachten 5000 Euro springen. So sind die Vinzenz-Konferenzler in der Lage, den Bedürftigen mit einer Weihnachtsüberraschung eine Freude zu machen. Das hat Tradition. „An Weihnachten wurde den Armen wie gewöhnlich eine besondere Gabe an Fleisch bewilligt“, vermerkte der Protokollant am 30. Dezember 1893 im Sitzungsbuch. Der Blick in die Protokollhefte macht deutlich, dass sich an der Arbeit der Vinzenz-Konferenz in den vergangenen 128 Jahren Grundlegendes nicht geändert hat. Früher wie heute konnte die Vinzenz-Konferenz sich auf Menschen verlassen, die ihr regelmäßig oder sporadisch Geld zukommen ließen. Aber anders als heute kauften die Vinzenz-Mitarbeiter früher mit dem Geld hauptsächlich Lebensmittel ein, die sie dann verteilten, meist Brot, Kartoffeln, Milch und Mehl. Auch Kohle gehörte zu den begehrten Gütern. Fleisch gab es nur an den Festtagen. So ist im Sitzungsbuch für 1913 vermerkt, dass 15 Personen im Laufe des Jahres ständige Zuweisungen an Brot, Milch und Fett erhielten. Damit kein Geschäftsmann zu kurz kam, wurde genau festgelegt, wo die Einkäufe getätigt werden. So hat der Vorstand am 5. Oktober 1891 beschlossen, im kommenden Jahr vierteljährlich die Lieferanten von Brot, Milch und Kohle zu wechseln. Vergiss die Armen nicht! Papst Franziskus wird den Christen diesen biblischen Imperativ immer wieder zurufen. Die Bopparder Vinzenz-Konferenz ist seit 128 Jahren den Armen zu Diensten. Die Mitarbeiter leisten stille Hilfe von Mensch zu Mensch, nicht nur an Weihnachten.
 
Rhein-Hunrückzeitung vom Dienstag, den 24. Dezember 2013, Seite 13
Text und Foto: Redakteur Wolfgang Wendling